BLOG

Warum schöne Büros allein nicht reichen

Über den Unterschied zwischen Räumen, die gut aussehen –
und Räumen, die Menschen wirklich stärken


Es gibt einen Trend, der gerade durch die Bürowelt rollt. Er heißt „Brain Health“ oder „Brain Capital“, und er klingt erst einmal vernünftig: Räume sollen so gestaltet sein, dass sie unser Gehirn unterstützen – mit dem richtigen Licht, der richtigen Akustik, den richtigen Zonen für Konzentration und Austausch.

McKinsey hat dazu Studien veröffentlicht. Das Weltwirtschaftsforum in Davos spricht davon. Große Büromöbelhersteller entwickeln ganze Konzepte mit Namen wie „Community Based Design“ und definieren fünf Bezirke, in denen Menschen arbeiten sollen: Gemeinschaftsbereiche, Nachbarschaften, Quartiere, Treffpunkte und Refugien. Das alles ist nicht falsch. Aber mir fehlt dabei etwas Entscheidendes.

Die Frage, die niemand stellt

Wer entscheidet eigentlich, was Menschen brauchen? In den meisten dieser Konzepte ist es der Architekt. Der Berater. Der Trendforscher. Es sind Menschen, die von außen auf ein Unternehmen schauen und sagen: „Ihr braucht mehr Rückzugsorte. Mehr Pflanzen. Mehr Tageslicht. Und ja, das stimmt wahrscheinlich sogar. Aber es überspringt einen Schritt, der mir als Unternehmer nach über 25 Jahren immer wichtiger geworden ist:

Bevor wir fragen, wie ein Raum aussehen soll, müssen wir fragen:
Wer bist du – und was brauchst du wirklich?

Das Problem mit den Zonen

Wenn ich mir diese „Brain Health Zones“ anschaue, dann sehe ich aufwändig gestaltete Flächen. Schöne Renderings. Durchdachte Farbkonzepte. Aber ich sehe auch eine Top-Down-Logik. Jemand hat entschieden, dass Zone A für Konzentration ist und Zone B für Kollaboration. Die Mitarbeitenden sollen sich dann bitte entsprechend verteilen.

Das funktioniert manchmal. Aber es funktioniert nicht für alle. Es funktioniert vor allem dann nicht, wenn Menschen gar nicht wissen, was sie eigentlich brauchen – weil sie es nie herausfinden durften.

Was die Wissenschaft bestätigt

Dass dieser Gedanke nicht nur mein persönliches Empfinden ist, hat kürzlich eine Studie aus unserem Innovationsnetzwerk Office 21 am Fraunhofer IAO bestätigt. Das Forscherteam rund um Carina Müller, Milena Bockstahler und Dr. Stefan Rief haben rund 2.000 Mitarbeitende untersucht und festgestellt: Es gibt keinen direkten linearen Zusammenhang zwischen Büropräsenz und Innovationsfähigkeit. Die Unternehmen, deren Menschen am innovativsten sind, zeichnen sich nicht durch mehr Anwesenheit aus – sondern durch Abwechslung bei der Arbeit, Spaß an der Tätigkeit und die Möglichkeit, Neues zu lernen.

Das sind keine räumlichen Faktoren. Das sind menschliche Faktoren. Und genau hier setzt für mich die entscheidende Frage an: Wenn die Wissenschaft zeigt, dass Innovation nicht von Zonen oder Anwesenheitspflicht abhängt, sondern von dem, was Menschen innerlich antreibt – müssen wir dann nicht bei den Menschen anfangen, bevor wir über Räume sprechen?

Eine andere Frage

Vor einigen Monaten bin ich auf einen Ansatz gestoßen, der mich nicht mehr losgelassen hat. Er stammt von Guido Beier und seinem Team bei DE3P, und er dreht die Perspektive um. Statt zu fragen: „Was braucht ein modernes Büro?“ fragt er: „Was braucht dieser Mensch?“

Und zwar nicht mit einem Fragebogen, den HR auswertet. Sondern mit einem Prozess, in dem Menschen selbst entdecken, welche Bedürfnisse sie haben – aus einer Liste von 77 menschlichen Grundbedürfnissen. Das klingt erst einmal nach viel. Aber wenn man sich darauf einlässt, passiert etwas Erstaunliches: Menschen beginnen, sich selbst besser zu verstehen. Nicht nur im Büro, sondern insgesamt.

Du bist der Architekt deines Lebens

Es gibt einen Satz, den ich meinem Team der Office Group immer wieder ans Herz lege, weil er der Kern meiner Philosophie ist: Du bist der Architekt deines eigenen Lebens. Jede Entscheidung, die du triffst, jeder Gedanke, dem du Raum gibst, und jedes Wort, das du aussprichst, ist ein Ziegelstein für das Haus, in dem du morgen wohnen wirst. Für mich ist das weit mehr als nur ein schöner Spruch – es ist die tiefste Überzeugung, nach der ich handle und die ich in jedem sehe.

Warum das für Räume relevant ist

Wenn Menschen ihre eigenen Bedürfnisse nicht kennen, dann können sie auch nicht sagen, welche Räume sie brauchen. Dann nicken sie, wenn der Architekt „mehr Rückzugsorte“ vorschlägt – obwohl sie eigentlich nach Gemeinschaft suchen. Oder sie fordern ein Einzelbüro, weil sie denken, sie brauchen Ruhe – obwohl sie eigentlich nach Anerkennung suchen.

Die 77 Human Needs von Guido Beier sind keine Checkliste für Bürogestaltung. Sie sind ein Werkzeug zur Selbsterkenntnis. Und erst wenn diese Selbsterkenntnis da ist, können Räume wirklich wirken.

Was wir bei der Office Group daraus gemacht haben

Wir bei der Office Group haben begonnen, diesen Ansatz in unser Unternehmen zu integrieren. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als Angebot. Wer will, kann sich auf diese Reise einlassen – begleitet von Guido und seinem Team.

Die Ergebnisse haben mich überrascht. Menschen, die schon Jahre bei uns arbeiten, haben Dinge über sich herausgefunden, die sie vorher nicht in Worte fassen konnten. Und plötzlich verstehen sie, warum sie bestimmte Situationen als belastend empfinden – und andere als erfüllend. Das verändert nicht nur, wie sie arbeiten. Es verändert, wie sie leben.

Ein anderer Blick auf Arbeitswelten

Ich sage nicht, dass „Brain Health“ falsch ist. Gutes Licht, gute Akustik, Pflanzen und Rückzugsorte sind wichtig. Aber sie sind nicht der Anfang – sie sind das Ergebnis. Der Anfang ist der Mensch. Seine Bedürfnisse. Seine Selbsterkenntnis. Die Entwicklung seines Bewusstseins.

Und deshalb glaube ich: Schöne Büros allein reichen nicht. Was Menschen wirklich brauchen, sind Räume, die ihnen helfen, zu verstehen, wer sie sind – und was sie brauchen.

Das ist der erste Schritt auf einer Reise, die wir bei der Office Group begonnen haben. Eine Reise von innen nach außen. Von der Selbsterkenntnis zur Raumgestaltung. Vom Menschen zum Ort.

In den nächsten Teilen dieser Serie werde ich erzählen, wie diese Reise konkret aussieht – und was sie mit unserer Führungsstruktur, unseren Standorten und unserer Vorstellung von Zukunft zu tun hat.

Herzlichst
Markus Menzinger
Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Office Group GmbH
m.menzinger@office-group.de